Sie befinden sich hier:

Impulse aus der Praxis

Wann kommt es zu Momentum Crashes?

Momentum gilt als eine der meist anerkannten und etablierten Faktorprämien in der Praxis und Akademie. In Bullenmärkten wie 2017 konnte eine Momentum-Strategie eine hohe Überrendite gegenüber marktkapitalisierten Anlagen erzielen. Doch die jüngsten Allzeithochs sorgen bei Investoren für Ängste bezüglich Momentum Crashes. Was steckt hinter diesem Phänomen?
 
Nachdem die beiden Forscher Jegadeesh und Titman im Jahre 1993 Momentum als systematische Renditequelle entdeckt hatten, ergänzte Mark Carhart 1997 das berühmte Faktormodell von Eugene Fama und Kenneth French (basierend auf Value und Size) um den Momentum-Faktor. Die Momentum-Strategie investiert in Titel, die in der näheren Vergangenheit outperformed haben, mit der Annahme, dass diese auch weiterhin eine Outperformance generieren werden.
 
Diese Investorenpräferenz lässt sich gemäss akademischer Forschung auf mehrere potentielle Ursachen zurückführen1: Beispielsweise versteht man unter dem Extrapolation Bias in der Akademie die Eigenschaft von Investoren, die Vergangenheit fortzuschreiben und somit die Unternehmen zu überschätzen, die zuletzt hohe Renditen erzielt haben. Eine weitere Erklärung liegt in der Überreaktion von Investoren: Investoren gewichten neue Information über (und untergewichten damit bestehende Informationen). Ein aktuelles Beispiel stellen US Tech-Titel (FANG2) dar, welche durch ihre starke Outperformance kontinuierlich neue Investoren anziehen, die vom Momentum profitieren wollen.
 
Abbildung 1: Darstellung eines Momentum Crashes
Abbildung 1: Darstellung eines Momentum Crashes
 
Der Momentum-Ansatz birgt jedoch das Risiko eines Momentum Crashes in sich, wie am Beispiel in Abbildung 1 illustriert. Man kann dabei grundsätzlich folgende Phasen unterscheiden:
 
Phase 1: Bullenmarkt = Momentum Überrendite
In einer Phase steigender Märkte setzt eine Momentum-Strategie in der Tendenz auf Titel mit einem hohen Beta und gewichtet dagegen Titel mit einem tiefen Beta unter. Durch das hohe Marktexposure partizipiert die Strategie überproportional am Bullenmarkt.
 
Phase 2: Langsame Trendumkehr = Momentum Überrendite
Typischerweise endet ein Bullenmarkt mit einer graduellen Trendumkehr in ein neues (Hoch-)Risikoregime. Da der Regimewechsel in der Regel langsam geschieht, bleibt der Momentum- Strategie genug Zeit, um das Portfolio in Tiefrisikotitel umzuschichten und das Beta des Portfolios zu senken.
 
Phase 3: V-förmige Trendumkehr = Momentum Crash
Das Ende eines Crashes ist normalerweise durch eine stark überverkaufte Situation geprägt, was oft in einer V-förmigen Trendumkehr resultiert. In einem solchen Marktumfeld kann die Momentum-Strategie das Beta-Exposure des Portfolios nicht schnell genug anpassen: Die Strategie ist immer noch stark in Tief-Beta-Titeln investiert. In Kombination mit einer raschen Markterholung kann eine substantielle Underperformance entstehen. Ein solcher Momentum Crash kann grundsätzlich auch bei einer Trendumkehr von einem Bullen- zu einem Bärenmarkt entstehen, jedoch ist ein solcher Umschwung selten so abrupt wie von einem Bären- zu einem Bullenmarkt.
 
Als Lösung für das Problem der Momentum Crashes bietet sich der Residual Momentum-Faktor an: Diese Strategie setzt auf Aktien mit einem hohen titelspezifischen Momentum. Dabei reduziert sich die Gefahr von Momentum Crashes, da beim Residual Momentum die Rendite einer Aktie um deren Marktbeta bereinigt wird. Zusätzlich hilft auch die Diversifikation über mehrere Faktorprämien, die Risiken von Einzelfaktoren zu neutralisieren.

Schlussfolgerungen

  • Eine Momentum-Strategie investiert in Titel, die in jüngerer Vergangenheit eine überdurchschnittliche Rendite erzielt haben.
  • Bei einer schnellen, V-förmigen Trendumkehr ist das Marktbeta-Exposure einer Momentum-Strategie der Marktbewegung entgegengesetzt, sodass es zu einem Momentum Crash kommen kann.
  • Ein Momentum Crash droht tendenziell eher bei einer raschen Erholung nach einem Aktienmarkt-Crash.
  • Durch die Residual Momentum Faktorprämie oder die Diversifikation über mehrere Faktoren lassen sich die Risiken von Momentum Crashes reduzieren.

 

 
 
 
¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯
1Die akademische Fundierung, sowie weitere Ursachen für die Entstehung von Momentum sind in folgender Literatur zu finden: Lakonishok et al., 1994, JoF; De Bondt & Thaler, 1985, JoF ; Daniel et al., 1998, JoF; Sias & Starks, 1997, JoF; Johnson, 2002, JoF; Vayanos & Woolley, 2013, RFS.
2FANG = Facebook, Amazon, Netflix und Google
 
 
Finreon Impulse: Vorherige Seite · Nächste Seite